Uraschinas Schildkröte

(ein japanisches Märchen)

 

Es war einmal ein junger Mann, der war der Sohn eines Fischers und selber auch ein Fischer. Er liebte von ganzem Herzen das Meer, das Rollen und Grollen seiner Wellen und den beständigen Wechsel von Ebbe und Flut. Er lebte an der Küste dieses Meeres, und wenn er nicht an Bord seines Bootes war, mit dem er zum Fischen auf die See hinausfuhr, dann schaute er vom Fenster seines Hauses aus auf die schweren, blauen Wogen, wie sie sich donnernd an den Uferfelsen brachen und weiß schäumend wieder zurückfluteten. Das Meer in seiner friedlichen Stille oder in seiner zornigen Aufgewühltheit, das Meer im glitzernden Widerschein des Mondes, mit seinen glühenden Sonnenuntergängen - das Meer war seine große Liebe. Das Meer und seine Freuden und Gefahren gingen ihm über alles. Denn ein Fischer, der das Meer nicht liebt, ist ebenso elend dran wie ein Hund, den sein Herr verlassen hat.

Dieser junge Mann nun hieß Uraschina. Jeden Morgen vor Sonnenaufgang ging er mit seinem Boot in See, und spät abends kehrte er mit vollen Segeln und einer Silberlast von Fischen wieder heim. Manchmal hatte er keine Mühe, seine Fischkästen zu füllen, aber dann und wann hatte er weniger Glück, seine Fangleinen blieben schlaff und seine Netze leer. Natürlich freute er sich über einen guten Fischzug, weniger seinetwegen als wegen seiner Eltern. Die waren schon alt, und er mußte sie von dem Ertrag des Fischverkaufes ernähren. Aber wenn es nur nach ihm gegangen wäre, hätte er gern die Fische immer wieder ins Meer zurückgeworfen, damit er sich an ihren geschmeidigen und behenden Bewegungen, der Feinheit ihrer zierlichen Flossen und dem Blinken ihrer silbernen Schuppen ergötzen könnte.

Eines Spätnachmittags, gerade als eben die Strahlen der untergehenden Sonne als glühend rotes Farbenspiel funkelnd und flimmernd über das Meer tanzten, sah Uraschina, wie die Halteleine seines Netzes sich plötzlich spannte. Er zog an der Leine, mußte so stark ziehen, wie er den ganzen Tag noch nicht gezogen hatte. Er glaubte, daß er einen schönen, schweren, zappelnden Rotfisch aus dem Wasser holen würde, aber es war nur eine ungeschickte junge Schildkröte, die ihm ins Netz gegangen war.

“So ein Pech!“, meinte Uraschina. “Die ist ja noch zu klein zum schlachten. Jetzt habe ich heute noch kaum etwas gefangen. Das soll aber kein Grund sein, dies unglückliche Schildkrötchen dafür büßen zu lassen. Später, wenn sie ausgewachsen ist, wird sie ein anderer fangen und eine leckere Mahlzeit aus ihr machen.”

Ihr wißt ja nun alle, daß Schildkröten sehr, sehr alt werden. Diese hier war aber noch sehr klein und hatte noch nicht lange gelebt. Uraschina machte sie also vorsichtig aus seinem Netz los und warf sie wieder zurück ins Wasser. Das spritzte, als sie hineinplumpste, in einer sprühenden Tröpfchenfontäne fröhlich auf. Doch was war das? Mitten aus diesem Schaumregen tauchte ein junges Mädchen auf, schöner als Tag und Nacht zusammen. Uraschina hatte noch gar nicht begriffen, was er da plötzlich mit eigenen Augen sah, da hatte sich das junge Mädchen schon auf sein Boot geschwungen und sich an seine Seite gesetzt.

Fröhlich erzählte sie dem ganz benommenen jungen Fischer, daß sie die Tochter des Königs der Meere sei, und daß sie sich mit Erlaubnis ihres Vaters in eine Schildkröte verwandelt habe, um zu erfahren, ob er, der Fischer Uraschina, wirklich ein so guter Mensch sei, wie man ihr berichtet habe.

“Wir, die wir in der Tiefe des Meeres leben”, sagte sie, “wir wissen, daß die Menschenkinder, die das Meer lieben, das Salz der Erde sind, und wir sind sehr glücklich und zufrieden, wenn uns jemand durch eine Tat beweist, daß er zu diesen Menschen gehört, so wie du es soeben getan hast. Darum hab ich dich lieb. Möchtest du mit mir kommen, damit wir beide, du und ich, im Drachenpalast im Königreich der grünen Wogen fortan glücklich miteinander leben können?”

Uraschina sah das junge Mädchen neben sich sitzen und vergaß über ihre Schönheit Vater und Mutter, seinen Strand und sein Haus. Er begriff nur eines, nämlich daß er, wenn er wollte, mit ihr gehen, immer mit ihr zusammensein durfte. Er war wie verzaubert und nahm entzückt und begeistert ihren Vorschlag an. Beide ergriffen je ein Ruder, setzten sich darauf und glitten pfeilschnell ins Meer. Die Prinzessin lächelte Uraschina zu, und vor ihrem Lächeln öffneten sich die Wogen. Ehe der junge Mann sich dessen bewußt wurde, waren sie bis zum Grunde der Gewässer hinabgefahren. Alles ging so schnell, daß sie an der Schwelle des Palastes der Prinzessin ankamen, ehe noch die Sonne ganz ins Meer gesunken war. Fische mit Goldhelmen und kristallenen Panzern hatten sie bis zur Tiefe des Meeresgrundes hinab geleitet. Der junge Mann und seine schöne Freundin wandelten beseligt durch Korallenwälder wie durch versteinerte Rosengärten, waren glücklich und weit, weit weg vom Lärm der Menschen, waren in der Stille der Tiefe eingehüllt in ein geheimnisvolles Schweigen, das durch das ferne Murmeln der Wellen auf der Meeresoberfläche nur noch fühlbarer wurde. Und da stand der märchenhafte Palast aus Muscheln und Perlen, erstrahlte im Glanz der herrlichsten Edelsteine, schimmerte wie die Strahlen der Sonne auf dem im leichten Windhauche zitternden Wasserspiegel. Bunt schillernde Drachenfische brachten ihnen die schönsten Mahlzeiten, boten ihnen die ausgesuchtesten Leckerbissen, die der Ozean für die, die ihn lieben, bereit hält.

Vier Jahre lebten Uraschina und die Prinzessin hier so glücklich wie in einem Traum. In ihrem Palast auf dem Meeresgrunde tanzten die Algen unhörbar einen nie endenden Reigen im zarten Leuchten dieses ewigen Dämmerlichtes.

Uraschina war sehr glücklich - bis zu dem Augenblick, in dem eine kleine Schildkröte, in deren Panzer Smaragde eingepreßt waren, in ihm mit einem Schlage die Erinnerung an sein Heimatdorf wachrief. Er erblickte die Schildkröte ganz zufällig und legte sie in die hohle Hand - so wie er einmal als Kind am Strand eine kleine Schildkröte gefunden und aufgehoben hatte - , er streichelte sie, und mit einem Mal wurde sein Blick traurig. Er dachte an seine Mutter, die in Kummer und Angst um ihn dahinalterte, und an seinen gelähmten Vater, der sicher nicht einmal mehr sein Gemüse im Garten begießen konnte; er sah vor sich den Strand, wo er als Kind gespielt und im Sand Schlösser und Burgen gebaut hatte.

Die Prinzessin merkte sehr bald, daß Uraschina jetzt manchmal so seltsam und bedrückt, daß er mit seinen Gedanken oft ganz weit weg war, und eines Tages sagte sie mit trauriger Stimme zu ihm:

“Ich sehe, Uraschina, daß du gerne nach Hause, deine Heimat und deine Eltern wiedersehen möchtest. Du weißt, ich würde dich zwar lieber hier bei mir behalten, aber vielleicht ist es besser, wenn du gehst. Denn du würdest mich eines Tages hassen, wenn ich dich zwingen würde, hierzubleiben. Und dann glaube ich ganz sicher, daß du Sehnsucht nach mir bekommen und zurückkehren wirst... Hier gebe ich dir darum ein Perlmuttkästchen, um das ich dieses grüne Band geschlungen habe. Verliere es nicht, und bewahre es sorgfältig. Paß vor allem auf, daß es niemand öffnet. Denn wenn das Band abgeknüpft wird, dann verliert das Kästchen seine Kraft, und du kannst nie mehr zu mir zurückkehren.”

Uraschina dankte der Prinzessin, und sie geleitete ihn zu einem Boot. Sie versorgte ihn mit allem, was er für die Reise brauchte - sie vergaß auch das Kästchen nicht -, dann nahmen sie zärtlich Abschied voneinander. Die Prinzessin lächelte, und auf ihr Lächeln öffneten sich wieder die Wasser und gaben eine Gasse nach oben frei, und ehe er sich dessen versah, befand er sich mit seinem Boot auf dem Meer. Ein sanfter Wind trieb ihn durch die leichten Wellen und führte ihn rasch an das Gestade seiner Kindheit. Er landete genau an der Stelle des Strandes, wo er als Kind die schönsten Burgen im Sand gebaut hatte, am Fuße des Hügels, hinter dem sein Elternhaus inmitten von Kirschbäumen und im Schatten großer Fichten gestanden hatte. Voll froher Erinnerungen an seine glückliche Jugend machte er sich auf den Weg, den er so oft gegangen war. Zuerst hatte er das Gefühl, als ob sich überhaupt nichts verändert habe: der Himmel war so blau wie eh und je, die Grillen sangen im Grase wie damals, und da stand noch immer auf demselben Platz der mit Moos überwachsene Felsen, auf dem er so oft gesessen und in die Ferne geträumt hatte. Aber als er zu der Stelle kam, wo das Haus gestanden hatte, traute er seinen Augen nicht, glaubte er, er habe sich verlaufen. Von einem Haus war nichts mehr zu sehen, die Fichten waren verschwunden - alles war anders, war ihm unbekannt, war fremd.

Er setzte seinen Weg fort und versuchte, sich zurechtzufinden. Die Häuser im Dorf waren nicht die von damals, sie waren alle neu, er kannte keines. Kinder sprangen überall umher und betrachteten ihn neugierig mit großen, erstaunten Augen. Alles hatte sich verändert, sogar die Reisfelder lagen an anderen Stellen. Hier war er nicht zu Hause. Er war ein Fremder geworden, er war hier unbekannt, und ihm war dies hier unbekannt - und all das war geschehen in nur vier Jahren -, es war beinahe nicht zu fassen. Uraschina suchte in den Augen der Leute, die ihm begegneten, nach einem Zeichen des Erkennens, des Erinnerns, aber er fand nur Erstaunen und Verwundern, und er wagte es nicht, jemand anzureden. Endlich entdeckte er auf eienm Stein einen uralten Mann, der, auf seinen Stock gestützt, dasaß und in die Vergangenheit zu träumen schien.

Uraschina ging hin zu ihm und fragte: “Entschuldigt, alter Vater, könnt Ihr mir wohl sagen, wo sich das Haus von Uraschina befindet?”

“Uraschina?” erwiderte der Alte und legte die Stirn in Falten. “Uraschina sagst du? Ja - hat nicht so der junge Mann geheißen, der vor - na ja, etwa vierhundert Jahren beim Fischen ertrunken ist? Wenn du den meinst, der ist verschollen - und seine Familie, von der weiß man bloß, daß seine Brüder und deren Kinder und Enkel und Ur- und Ururenkel schon längst nicht mehr am Leben sind. Ja - vor ungefähr vierhundert Jahren war das - an einem schönen Sommertag, einem wie heute, da ist Uraschina spurlos verschwunden. So hat mir noch mein Großvater erzählt, und der hatte es schon von seinem Großvater erfahren. Man hat nie wieder etwas von Uraschina gehört oder gesehen. Nicht einmal Trümmer von seinem Boot hat man gefunden.” Der Alte schüttelte den Kopf und lächelte: “Nicht auch nur eine Planke, keinen Splitter, nichts.”

So war er also nicht vier Jahre fortgewesen, sondern vierhundert Jahre. Und er hatte keinen Vater und keine Mutter mehr, keine Brüder, kein Haus, nichts mehr... Uraschina war ein Fremdling geworden in seiner eigenen Heimat.

“Vielleicht...aber ich weiß es nicht genau”, und der Alte wies mit seinem Stock in die Richtung des Friedhofes, “ich glaube, man hat ihm damals eine Grabstätte geschaufelt, als keine Hoffnung mehr auf seine Rückkehr war...hat wohl auch Blumen und ein paar Reiskörner hineingetan... möglich, daß das Grab noch da ist, da hinten auf dem alten Friedhof.”

Langsam, Schritt vor Schritt, ging Uraschina zum Friedhof, zu seinem eigenen Grabe. Und er fand es noch, aber wie das siner Brüder, das von Vater und Mutter, war es ganz zerfallen, mit Moos überwachsen und von Unkraut und Gestrüpp überwuchert. Uraschina erkannte nun, daß er in diesem Dorfe nichts mehr zu suchen hatte, wo er vor mehreren Jahrhunderten gestorben und begraben war. Hier war kein Platz mehr für ihn, es blieb ihm nichts übrig, als so schnell wie möglich ins Königreich auf dem Meeresgrunde, zu seiner geliebten Prinzessin heimzukehren. Und langsam ging er wieder den Weg zurück zum Strand. Unter dem Arm trug er das kleine Perlmuttkästchen mit dem grünen Seidenband. Es war jetzt sein einziger Besitz, und er wußte, daß er es unter keinen Umständen verlieren dürfe. An derselben Stelle, an der er vorhin den Alten getroffen hatte, setzte er sich ans Ufer. Auf seinen Knien hatte er das Kästchen. Er war traurig, tieftraurig, müde und verzagt und saß da und sann und grübelte. Wie sollte er zurückkommen in den Palast unter dem Meer? Und so ganz in Gedanken versunken tat er das, wovor die Prinzessin ihn nachdrücklich und eindringlich gewarnt hatte. Ohne in seiner Versunkenheit und Versonnenheit zu merken, was er tat, löste er das grüne Seidenband von dem Kästchen und öffnete den Deckel. Ein weißer Rauch stieg empor und blieb als zarte Wolke einen Augenblick lang in der Luft still vor ihm stehen. Und wie mit sanftem Meißel in die weiße Wolke hineingeformt erblickte Uraschina die Gestalt der  Prinzessin und das süße Gesicht, das ihn mit traurigen Augen anschaute. Sehnsüchtig streckte er die Arme nach ihr aus und rief ihren Namen, aber schon hatte ein Windhauch die Wolke hinweggeweht, und sie entschwand in Gedankenschnelle seinen Blicken.

Uraschina hatte aufstehen und ihr nacheilen wollen - er konnte es nicht mehr. Regungslos, unfähig sich zu bewegen, festgebannt an den Strand des blauen Meeres saß er da und fühlte, wie er plötzlich alt wurde, uralt. Sein Rücken krümmte sich, seine Hände zitterten, seine Haare wurden weiß und fielen ihm aus, seine Haut wurde faltig, seine Muskeln erschlafften - er schrumpfte im Umsehen zusammen und vertrocknete. Das Fleisch fiel als ein Häuflein Staub von ihm ab, und übrig blieben nur die gebleichten Knochen. Und dies Skelett fiel zusammen und hätte nun endlich den Platz in dem Grabe einnehmen können, das man für ihn ausgehoben und, ohne ihn hineinzubetten, wieder zugeschaufelt hatte - vor vierhundert Jahren.

Und als der Mond hinter den Fichten aufging, beschien er nichts als die ewig anrollenden Wogen, die sich am Ufer brachen. Nur ein offenes Perlmuttkästchen lag verlassen im Sande, und ein grünes Seidenband flatterte verloren im Wind.

Ende

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